• Preisverleihung 2018

Im Winter auf der Straße - dritter Artikel für die Obdachlosen-Uni-Zeitung (Vorab-Veröffentlichung)

Schon länger haben wir vor, einen Journalismuskurs anzubieten - nun versuchen wir einfach gemeinsam eine Zeitung herauszugeben um Journalismus beim "machen" zu lernen. Wir sammeln Bilder, Zeichnungen, Texte, Ideen, von Euch, die Ihr in einer Zeitung der Obdachlosen-Uni (oder auch in einem Hörbeitrag) veröffentlichen möchtet. Adrian und Rainer unterstützen Euch von der Ideenfindung bis Umsetzung, aber auch beim Feinschliff Eurer Gedanken und Texte, sowie bei Zeichnungen und Fotografie. André unterstützt Euch dabei, die Zeitung, wenn sie dann mal gedruckt ist, an die Frau / an den Mann zu bringen. Klingt gut? Ist gut! Mehr Infos hier: http://obdachlosen-uni-berlin.de/gemeinsam-zeitung-machen-lernen

Und ja, falls Sie eine Veranstaltung haben und Sie möchten, dass wir aus Sicht von (ehemals) Obdachlosen darüber berichten - laden Sie uns einfach ein! Wir rücken mit Kamera, Stift und Block an.

Hier finden Sie nun den dritten Artikel, quasi als Vorabveröffentlichung. Autor diesmal: André Hoek, der von seinen Erfahrungen auf der Straße im Winter erzählt - zwar nicht von diesem Winter, aber vom Berliner Winter. Und der steht nun wieder unmittelbar vor der Tür...

Im Winter auf der Straße

“Vielleicht gehst Du jetzt zum letzten Mal schlafen” war meine letzter Gedanke nachdem ich die Augen geschlossen hatte und ich bekam wirklich Angst. Einfach im Schlaf erfroren…

Es war ein bitterkalter Tag. Die Temperatur lag bei etwa -12 Grad und es wehte ein eisiger und scharfer Wind. Die gefühlte Temperatur lag mindestens bei -20 Grad. Es fühlte sich so ekelhaft an, dass man nach maximal einer Stunde ins Warme MUSSTE und dies obwohl ich als ziemlich hartgesottener Obdachloser einiges gewohnt war. Den ganzen Tag versuchte ich mich immer wieder irgendwo aufzuwärmen.

Zweimal am Tag durfte man für eine Stunde in die Bahnhofsmission. Einmal vor 17.00 und einmal danach. Diese Stunde konnte man sich aber nicht aufteilen. Ging man nach 20 Minuten, wurde dies als volle Stunde gewertet und man kam erst am Abend nochmal hinein.

Wenn man Geld hatte, konnte man sich ins McDonalds oder in eine Bäckerei setzen. Allerdings musste man dort immer etwas verzehren und Geld ist für einen Obdachlosen immer knapp und sehr oft reicht es nicht mal für einen Kaffee im Schnellrestaurant.

Und dann war es auch schon fast vorbei mit den Möglichkeiten ins Warme zu kommen.

Wenn ich versuchte mich in den Hauptbahnhof zu setzen, in dem es allerdings auch nicht sehr warm, aber zumindest windgeschützt ist, kam in der Regel innerhalb von wenigen Minuten ein Sicherheitsteam und warf einen hinaus. Einfach weil man obdachlos ist.

Ich als Rollstuhlfahrer konnte wenigstens so tun, als wenn ich etwas im Bahnhof zu tun hätte, indem ich immer in Bewegung blieb. Lief man aber zum zweiten Mal den selben Sicherheitsleuten über den Weg, ging es ebenfalls gnadenlos vor die Tür.

Hatte man Geld für eine Tageskarte, konnte man eine “S-Bahn-Rutsche” machen und den Tag in der beheizten S-Bahn verbringen.

Am Abend machte ich mit meinem Rolli wieder eine Aufwärmrunde durch den Bahnhof. Da sah ich auf einer Anzeigetafel plötzlich den Wetterbericht für die nächste Nacht.

Ich konnte kaum fassen was ich dort sah. Berlin: -20 Grad!

Mir blieb richtig für einen Moment das Herz stehen und ich bekam einen riesigen Schreck.

Es war jetzt schon so kalt, dass man es kaum noch aushielt und dann nochmal acht Grad kälter? Wie sollte ich das schaffen?

Wenn man auf der Straße lebt und die Temperatur fällt von -5 auf -7 Grad, merkt man dies bereits sehr deutlich. Und dann -20…

In Gedanken spielte ich alle meine Möglichkeiten durch. In die berüchtigten Kältenotunterkünfte ging ich schon lange nicht mehr. Die Zustände dort sind schlicht und einfach menschenunwürdig und es bestand immer die Gefahr, sich mit Tuberkulose oder Hepatitis anzustecken. Auch Kopf- und Kleiderläuse wurden dort immer wieder massiv übertragen. Zudem gibt es viel Gewalt und Diebstähle.

Somit blieb mir keine andere Möglichkeit als am Abend unter meine Brücke zu gehen und mich in meinem Zelt für die Nacht fertig zu machen.

Als ich meine Schlafsäcke ordnete kam mir plötzlich der Gedanke: “Mensch, schafft man das überhaupt? Minus 20 Grad in einem Zelt? Was ist, wenn Du morgen früh garnicht mehr aufwachst?”

Ich begann mir echt Sorgen zu machen und ging nochmal aus dem Zelt um meine Kollegen zu befragen. Doch von diesen wusste es auch niemand. Keiner von uns hatte je bei diesen Temperaturen draußen geschlafen. Also mussten wir es drauf ankommen lassen.

Ich ging in mein Zelt, zog alle Kleidung an die ich besaß und legte sogar noch meine Rucksäcke oben auf die Schlafsäcke.

Und dann kam der oben erwähnte Moment wo ich mich fragte, ob ich nun gerade zum allerletzten Mal in meinem Leben schlafen ging.

Wir hatte Glück in dieser Nacht. Es wurden “nur” -15 Grad und wir standen alle am nächsten Morgen, zwar sehr durchgefroren, aber gesund wieder auf. Diese Kälteperiode hielt damals fast drei Wochen lang an und es war wirklich schwer.

Kälte kostet Kraft!

Physisch, psychisch und emotional.

Der Körper muss den ganzen Tag heizen und verbraucht dabei extrem viel Energie, von der man als Obdachloser schon ganz grundsätzlich immer zu wenig hat, da der gesamte Lebensalltag sehr anstrengend ist.

Und Kälte tut weh. Mein Kollege Klaus, mit dem ich spezielle Obdachlosen-Stadtführungen bei querstadtein mache sagt immer “Kälte beißt”. Und so ist auch wirklich. Kälte ist schmerzhaft. Hände, Füße und Gesicht sind in einem dauerhaften Schmerzzustand. Dies ist deutlich mehr als unangenehm.

Auch das Aufstehen am frühen Morgen gehört zu den Dingen, die man jeden Tag aus tiefster Seele verwünscht.

Entgegen landläufiger Meinung ist die Nacht im Allgemeinen nicht die kälteste Zeit des Tages sondern die wärmste. Wenn man es geschafft hatte, sich zwei gute Schlafsäcke und zwei oder drei Isomatten zu besorgen, ist es im Schlafsack warm wie im Bett. Kalt wird es am Tage, wenn man zugigen Bahnhofsvorplätzen stundenlang versucht seine Zeitung an den Mann oder die Frau zu bringen. Oder wenn man vor einem Supermarkt-Eingang oder sonstwo sitzt und darauf wartet, dass die Leute einem ein paar Münzen in den Becher werfen.

Ich hatte mich in der Nacht, außer bei schwerer Kälte, immer bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Wenn man dann den Schlafsack öffnet und draußen -15 Grad sind, hat man innerhalb von einer Sekunde einen Temperatursturz von +30 Grad auf -15. Das ist eine Differenz von 45 Grad! Den gleichen Effekt hat man ebenfalls, wenn man Nachts zur Toilette muss. Auch die Kleidung die ich dann am Morgen gleich anziehen musste war -15 Grad kalt. Es dauerte immer son zehn bis 15 Minuten, bis die Kleidung durch den Körper erwärmt war. Man lief schlotternd, zitternd und leise vor sich hinfluchend hin und her, bis es endlich wieder erträglich wurde.

Manchmal sieht man obdachlose Menschen bei schwerer Kälte irgendwo sitzen. Sie wirken entspannt und plaudern gemütlich miteinander. Manchmal fragt man sich dann, ob denen nicht kalt ist.

Doch ihnen ist kalt. Wahrscheinlich frieren sie sogar noch mehr, als der Beobachter.

Menschen mit einer Wohnung sind nie lange im Kalten. Man steht mal 20 Minuten an einer Haltestelle, macht mal einen Einkaufsbummel durch die Fußgängerzone oder wenn es richtig hoch kommt, einen zweistündigen Winterspaziergang. Nach diesen zwei Stunden ist einem dann aber auch wirklich kalt und man muss nun unbedingt ins Warme.

Diesen letztgenannten Zustand registrieren Obdachlose überhaupt nicht mehr, da es für sie der Normalzustand ist. Obdachlose sind immer im Kalten. Tag und Nacht. Und Morgen wieder und nächste Woche auch noch und nächsten Monat mit Sicherheit auch nochmal.

Sie frieren auch dann noch, wenn andere Menschen längst wieder in der Wärme sind und die eben noch unerträglich scheinende Kälte nur noch ein flüchtiger Gedanke ist.

Doch was bringt es zu jammern?

Der Obdachlose neben mir friert genauso wie ich selbst. Also schweigt man und hält es eben aus so gut es geht.

Doch dies kostet enorm viel psychische Energie. Stellen Sie sich vor sie haben Zahnschmerzen und wie nervig dies ist. Doch Sie haben die Möglichkeit am nächsten Tag zum Zahnarzt gehen zu können. Obdachlose müssen mit ihrem Zustand monatelang klar kommen und können nur auf einen frühen Frühling hoffen.

Und einmal bin ich fast erfroren.

Es war auch wieder so um die -10 Grad kalt und ich war der Kälte seit dem frühen Morgen schutzlos ausgeliefert. Am Abend kam ich auf die Idee in eine Kälteeinrichtung zu gehen. Als Rollstuhlfahrer durfte man im Wartebereich der Ambulanz schlafen und wenn man ein bisschen Glück hatte waren nur drei Personen in einem Raum und nicht wie üblich bis zu 15.

An diesem Abend hatte ich Pech. Es war ein anderer Obdachloser anwesend, der wirklich ein lieber Mensch war. Doch wenn er zuviel getrunken hatte, ließ er einen nicht schlafen. Er fragte gnadenlos alle zehn Minuten nach einer Zigarette, schrie herum und veranstaltete insgesamt einen solchen Lärm, dass man kein Auge zu bekam. An diesem Abend war er wieder außer Rand und Band und ich entschied mich zu gehen.

Doch anstatt mit meinem Rolli zu meinem Zelt zu fahren, blieb ich Freien und legte mich auf der Umrandung eines Blumenbeetes hin. Ohne Schutzausrüstung und nur mit der Kleidung, die ich am Körper trug. Ich hatte an diesem Abend einfach keine Kraft mehr und betrunken war ich sowieso. Bei schweren Minusgraden!

Zum Glück wurde ich am Morgen wieder wach und machte mich auf den Weg zum Hauptbahnhof und dann weiß ich aus eigener Erinnerung nichts mehr.

Berichtet wurde mir später, dass ich gegen Mittag von einem Bekannte gesehen wurde. Mitten auf dem Bahnhofsvorplatz, mit hängendem Kopf in meinem Rolli sitzend. Gegen 18.00 kam der Bekannte glücklicherweise nochmal dort vorbei und ich stand noch an dem selben Ort in unveränderter Position. Er versuchte mich anzusprechen, ich reagierte nicht mehr und er verständigte meine Betreuerin, welche einen Krankenwagen rief.

Im Krankenhaus hatte ich nur noch eine Körpertemperatur von 29 Grad!

Richtig mies an der Geschichte war, dass an diesem Tag hunderte, wenn nicht tausende Menschen an mir vorbeigegangen sein müssen. Niemand half oder sah nach mir.

Allerdings mache ich diesen Menschen keinen Vorwurf. Sie konnten nicht wissen, dass ich schon fast 40 Stunden ungeschützt dieser Kälte ausgesetzt war. Sie sahen mich immer nur für wenige Augenblicke.

Aber gerade deshalb meine Bitte an Sie.

Achten Sie auf obdachlose Menschen! Ein nicht ansprechbarer Obdachloser ist genauso eine hilflose Person, wie jeder andere Mensch auch!

Wenn Sie so etwas bemerken, rufen Sie bitte einen Krankenwagen oder verständigen Sie die Polizei. Und achten Sie auch bitte darauf, dass der Obdachlose auch wirklich Hilfe bekommt. Es passiert regelmäßig, dass der Krankenwagen den Obdachlosen einfach nicht mitnimmt.

Was besonders fatal ist und was kaum jemand weiß ist, dass die Symptome die Erfrierende und Betrunkene zeigen, sich zum täuschen ähnlich sehen.

Bei Erfrierenden ist das Bewusstsein eingetrübt. Sie taumeln, lallen und reden dummes Zeug. Ihne wird heiß und sie beginnen sich trotz großer Kälte auszuziehen und sich anderweitig irrational zu verhalten. Wenn der Obdachlose dann vorher nur zwei Bier getrunken hat und nach Alkohol riecht, denkt jeder, er ist betrunken und überlässt ihn seinem Schicksal.

Schauen sie auch nach Obdachlosen, wenn eine Flasche Schnaps neben dem Schlafsack steht. Auch Betrunkene können erfrieren oder einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden.

Gehen Sie einfach zu dem Menschen hin und sagen zum Beispiel: “Ich mache mir Sorgen um sie. Können sie bitte mal die Augen öffnen? Geht es ihnen gut?”

Auch wenn sie bei großer Kälte jemanden im Freien auf dem Boden liegen sehen und dieser hat nur eine Pappe als Unterlage und ein normale Wolldecke zum Zudecken, dann ist dies mehr als unzureichend. Dieser Mensch MUSS auskühlen.

Verständigen Sie die Rettungsdienst lieber einmal mehr als einmal zu wenig. Man hört zwar immer wieder, dass Fehleinsätze aus der privaten Tasche bezahlt werden müssen, doch dies stimmt nicht. Niemand wird Sie für einen Fehleinsatz zur Kasse bitten.

Und schauen Sie bei Kälteeinbrüchen nochmal in Ihren Kleiderschrank. Manchmal liegt dort noch ein warmer Pullover oder es hängt noch eine gute Winterjacke auf dem Bügel, die man schon einige Zeit nicht mehr getragen hat. Für Obdachlose ist diese Kleidung kein Luxus sondern es sind tatsächlich lebensrettende Maßnahmen die Sie ergreifen, wenn Sie einem obdachlosen Menschen warme Kleidung spenden. Auch Thermounterwäsche und dicke, warme Socken werden im Winter mehr als gern genommen.

Und besonders im Winter ist Geld wichtig.

Wenn man als Obdachloser Geld hat, kann man sich mal in eine Bäckerei oder einen Schnellimbiss sitzen oder sich die Tageskarte für die “S-Bahn-Rutsche” kaufen.

André Hoek

Foto:  Tedward Quinn auf Unsplash

 

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