• Preisverleihung 2018

Heimat im Herzen - zweiter Artikel für die Obdachlosen-Uni-Zeitung (Vorab-Veröffentlichung)

Schon länger haben wir vor, einen Journalismuskurs anzubieten - nun versuchen wir einfach gemeinsam eine Zeitung herauszugeben um Journalismus beim "machen" zu lernen. Wir sammeln Bilder, Zeichnungen, Texte, Ideen, von Euch, die Ihr in einer Zeitung der Obdachlosen-Uni (oder auch in einem Hörbeitrag) veröffentlichen möchtet. Adrian und Rainer unterstützen Euch von der Ideenfindung bis Umsetzung, aber auch beim Feinschliff Eurer Gedanken und Texte, sowie bei Zeichnungen und Fotografie. André unterstützt Euch dabei, die Zeitung, wenn sie dann mal gedruckt ist, an die Frau / an den Mann zu bringen. Klingt gut? Ist gut! Mehr Infos hier: http://obdachlosen-uni-berlin.de/gemeinsam-zeitung-machen-lernen

Und ja, falls Sie eine Veranstaltung haben und Sie möchten, dass wir aus Sicht von (ehemals) Obdachlosen darüber berichten - laden Sie uns einfach ein! Wir rücken mit Kamera, Stift und Block an.

Hier finden Sie nun den zweiten Artikel, quasi als Vorabveröffentlichung. Autor diesmal: Udo Biesewski.

Heimat im Herzen

Ich bin Alkoholiker und nun seit 17 Jahren trocken.

Es war ein schwerer Weg, aber es lohnt sich.

11 Jahre Bergbauarbeit, 4 Uhr früh raus und abends um 16 Uhr heim. Schichtarbeit, rollende Woche, Arbeit und Alkohol bestimmten das Leben. Nach einer unschönen Kindheit, in der ich meine Gefühle abgestellt habe. Gefühle was ist das? Als der Bergbau zu machte, begab ich mich auf die Suche nach Leihfirmen und Pensionen. Arbeiten und Alkohol ohne soziale Kontakte.

1992: ich lerne eine Frau kennen, wurde fest übernommen in einer Firma und endlich bekam ich so was wie eine Wohnung. Wir trinken beide recht viel - eine Wochenendbeziehung. Es folgen Pläne zusammenzuziehen. Sie wird schwanger, d. h. Hochzeitsplanung und zusammenziehen. Beide tranken wir viel zu viel.

1993: Streit nach einem Frühschoppen. Ein Sonntag, an dem ich ein Stück Leben verlor.

Wir sitzen zusammen und streiten. Es geht ums Geld. Im Ärger geht sie und setzt sich ins Auto. Ich trinke weiter, gehe irgendwann nachmittags nach Hause - Rausch auspennen. Abends folgt ein Anruf ihrer Mutter: Carola ist tot. Unfall. Weg für immer.

Es war wie im Rausch. Ich wollte sterben. Ich arbeitete jeden Tag 10 bis 12 Stunden, danach in 2 Stunden zusaufen, nichts spüren, alles egal.

Ich hatte zwei Leben: Gutes Ansehen in der Firma, Hausmeister, Lager. Ich machte fast alles, doch leben ging nicht. Freunde nur im Kiosk. Drei Jahre Leben im Wahn, bis nichts mehr ging. Ich wohne nun neben meiner Arbeit, ein Kiosk war gegenüber auf der anderen Straßenseite. Bezahlte keine Miete mehr, alles ging für Alkohol drauf und dann kam der innere Wunsch, einfach zu sterben. Schluss machen.

So kam es, dass ich nach drei Jahren meinen ersten Tag ohne Alkohol erlebte. Dem Wunsch Schluss zu machen. Ich verabschiedete mich vom Leben ging abends in die Firma, ins Büro meines Chefs. Nahm Tabletten - alle die da waren. Die Wirkung setzt ein, ich nehme das Telefon und sage meinem Chef „Ich mache Schluss“. Mehr wusste ich nicht, aufgewacht bin ich in einer Klinik.

Ich wurde konfrontiert mit der Frage „Wollen Sie leben?“. Weiß ich nicht - keine Ahnung. Zwei Wochen war ich nun schon da. Über mich reden ging nicht. Ich bekomme einen Tag Urlaub, um Unterlagen zu holen und Dinge zu richten.

Ich komme zu meiner Wohnung. Grauenhaft. Diese wurde zwangsgeräumt. Die Bilder waren entsetzlich. Freunde gab es nicht ich ging zu meiner Arbeitsstelle und da bekam ich die Kündigung.

Alles aus, ich mache Schluss. Mit dem Wunsch zu sterben ging ich Richtung Klinik. Im Wahn machte ich Suizidversuche. Sprang von einer Autobahnbrücke, doch nicht in der Mitte bei der Straße, sondern am Rand. Scheiße, ich lebe. Abends, nach 20 Kilometern zu Fuß stehe ich auf der Brücke über dem Main. Abschied nehmen - Scheiß Leben. Ich ziehe die Jacke aus und sage wohl auf Wiedersehen Welt. Ich komme im Wasser an.

Und das erste Mal will ich leben. Es tut weh. Ich fange an zu schwimmen ein - Überlebenskampf. Dann Filmriss ohne jeden Alkohol. Ich werde rausgezogen, mehr tot als lebend und komme in die Klinik. Verstehe nichts. Ich beginne über mich zu reden vor Menschen ich glaube ich sterbe. Besuche das erste Mal Selbsthilfegruppen und lerne Freunde kennen. Menschen, die mich kannten im Rausch. Sie gaben mir echte Hilfe. Ich fand Arbeit als Steinmetz und war gut. Ich fand eine Wohnung in dem Ort, wo ich sterben wollte.

Doch leben ging nicht. Ich fand keinen Zugang zu mir. Ich wusste nur, nie wieder Alkohol. Das alte Leben beobachtete mich, es gab Wetten, wann ich wieder anfange zu saufen. Mein Wunsch zu leben war stärker und so machte ich eine Therapie. Da lernte ich eine Münchnerin kenne. Das Reden war oberflächlich aber ich schaffte einen Neuanfang, zog 1998 nach München. Alles ging wunderbar - kleines Zimmer, Schule, Arbeit. Doch wo war ich?

Ich fing an zu arbeiten von früh bis spätt bis zum 1. Mai 2002 ging es ohne Alkohol, doch dann ich sitze in einer Gaststätte. Weiß mit mir nichts anzufangen und bestelle ein Bier. Bis zu abend wusste ich nichts mehr. Das Alte hatte mich wieder, aber schlimmer als beim ersten mal und alles viel schlimmer. Ich hatte eine große, tolle 2-Raum Wohnung und verdiente bis 5000 Euro, aber leben ging nicht. Drei Monate, dann der unschöne Rekord: 5,8 Promille. eigentlich tot. Das ging bis zum 03.09. Dann hatte ich in der Früh die Eingebung: das ist der letzte Tag. Freiwillig ging ich in die Klinik. Stellt mich ab! Dann wusste ich nichts mehr, erwachte angebunden in einem Zimmer. Ich dachte, hier kommst du nie wieder raus. Doch das Leben hat mich wieder. Zehn Wochen Klinik und dann gleich auf Therapie.

Das Schlüsselerlebnis.

Es war in der Therapie. Weihnachten. Ich machte bei einem Theaterstück mit. Meine Rolle war ein Obdachloser. Es ging um die Reise nach Weihnachten. Ich bin der Udo und ohne Heimat, die Dämme brechen ich weine das erste Mal nach über 30 jahren. Ein Gefühl, das ich nicht mehr kannte. Es kamen Erinnerungen und tiefe Trauer. Ich ging abends in die Kirche, nahm Abschied von meiner Freundin und dem alten Leben. Ich lernte Tai Chi und mein inneres Kind kennen. Als ich nach Hause kam, warteten zwar Leere, doch auch der Wunsch neu anfangen. Die Wohnung war gekündigt, es war März, ich nahm meinen Koffer, Decken und den Zug an die Isar. Obdachlos und doch glücklich und frei. Ohne Geld, nur mich, so ging es einige Monate. Ich besuchte Gruppen, die Bahnhofmission und ein Kloster wo ich essen konnte. In einer Sucht- und Begegnungsstätte nahm das neue Leben Formen an. Ich wurde selbst Suchthelfer. Meine Offenheit war es, was mir Türen öffnete, vor allem die Tür zu mir selbst. Ich fand ein Zimmer in einer Obdachloseneinrichtung. Ein alkoholfreies Haus.

Nun half mir mein Körper Grenzen zu zeigen. Ein Jahr leben mit schweren Rheuma. Lernen, mit der Krankheit umzugehen und frei von Alkohol.

2010: Lungenklinik - Knoten in der Lunge, aber ich lebe und das ist wichtig. Ich ging in Schulen und machte Suchtprävention. Das mache ich noch heute. Meine Lebensgeschichte und mein Wissen helfen anderen. Ich bin ein Kämpfer geworden. Gerechtigkeit und echte Hilfe. Ich arbeitete bei einer Obdachlosenzeitung als Zeitungsverkäufer. War erst ein Aushängeschild für jemanden, der es geschafft hat. Doch mit Rechten von Menschen nahm man es da nicht so genau. Die Leitung vertrat und vertritt die Meinung, Obdachlose sind physisch Kranke, die man ausbeuten und betrügen kann. Ich wehre mich und werde gefeuert, doch ich gehe meinen Weg. Trotz Krankheiten und Schwerbehinderung helfe ich Obdachlosen und Armen. Verkaufe Straßenzeitungen aus aller Welt. Für eine bessere Gesellschaft. Ich helfe anderen und arbeite so auch an mir. Echte Hilfe kommt aus dem Herzen. Achte auf dein inneres Kind und wehre dich gegen Kälte und Unvernunft.

Ich habe mal Schülern gesagt, ich musste das alles erleben, um es euch weiter zu geben. Es ist ein schönes Gefühl.

Text und Foto: Udo Biesewski // Bildrecht: Udo Biesewski

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