• Preisverleihung 2018

Forschungstagebuch des Vagabund(innen)forschers Tag 1

Ich stand eben an der Station und wartete auf die U-Bahn, als mir eine Reklametafel eines bekannten Energy-Drink-Herstellers auffiel. "Höchste Eisenbahn fürs Projekt?" stand darauf geschrieben. Dazu ein gezeichnetes Bild von einem Herren, der in der U-Bahn sitzt und vor sich und den seitlich montierten U-Bahn-Sitzen einen provisorischen Arbeitstisch aufgestellt hat. Auf dem, wahrscheinlich selbst aufgestellten Tisch, stapeln sich Papiere, daneben Laptop und Aktentasche. Am U-Bahn-Fenster sind Blätter mit Notizen angeklebt. Ein fahrendes Büro, wenn man so will.

Das was der Energy-Drink-Hersteller zeigen möchte, ist, so lässt sich vermuten, die moderne, flexible, digitale Arbeitswelt, die Arbeitswelt der "Digitalen Nomaden". Niemals stoppen, immer mobil, dabei vergnügt und sich nicht aus der Ruhe bringen lassend.

In meinem Rucksack befinden sich zwei Bücher, die ich grad, mehr oder weniger parallel lese. Da wäre zum einen "Diven, Hacker, Spekulanten", 2010 herausgegeben von Stephan Moebius und Markus Schroer. In dem Buch werden die verschiedenen Sozialfiguren unserer Zeit beschrieben. Das sind u. a. der Dandy, die Diva, der Flaneur, der Kreative, der Hacker und der Berater etc. Ab Seite 316 beschreibt Peter Gross den Nomaden als eine weitere Sozialfigur der Gegenwart. Er legt dar, wie sich die ehemals negativ konnotierte Figur sich in positiv konnotierte verwandeln: "Heute wandern alle. Wer bleibt, hat schon verloren" (Gross, S. 318). Etwas später heißt es: "Der Nomade wird ästhetisiert und die endlose Suche als etwas der offenen freiheitlichen Gesellschaft zutiefst Innewohnendes gepriesen. Der Nomade wird zur leuchtenden Generalfigur einer aktivistischen, zu neuen Ufern aufbrechenden, zu ihrem von den Fesseln archaischer Sesshaftigkeit befreiten Moderne" (ebd. S. 320). Aber, so schreibt er auch, der häufige Wechsel von Ort zu Ort (sowie auch von Partner zu Partner etc.) geschieht nicht nur freiwillig (...). Viele verlieren ihre Sesshaftigkeit ungewollt, sie geraten wegen Kündigung und wirtschaftlicher Not in Durchgangsorte, in Containerdörfer, U-Bahn-Schächte oder Billigpensionen (ebd. S. 321).

Ähnlich sieht das übrigens, wenn auch aus einem anderen Kontext kommend, Robert Lucas Santanas. In seinem Buch "Obdachlos. Porträts vom Leben auf der Straße" heißt es gleich in der Einführung, überschrieben mit "Draußen ist man schneller als man denkt" folgendermaßen: Unser "Drin" ist uns etwas wert (...) Wir verteidigen unser Drin, das ist für uns ebenso selbstverständlich, wie wir unsere Wege nach "Draußen" als freiwillig empfinden möchten. Wenn das, was wir mit Draußen meinen, uns Verlockung bietet, uns Hoffnung macht, Nutzen erahnen lässt, dann gehen wir dafür hohe Risiken ein. Wir investieren Zeit in Träume (...) Jenes Draußen aber, das Ihnen hier über mehrere Kapitel hinweg begegnen wird, entspricht möglicherweise nicht unseren Sehnsüchten und Wünschen. Sie erfahren etwas über Obdachlose, Berber und Penner (...) (Sanatanas, S. 9).

In der „The Heritage Post – Magazin für Herrenkultur“, Ausgabe September 2019, werden sogenannte „Rugged Guys“ vorgestellt. Männer, die aussteigen und dabei gut aussehen. Der „Urban Hippie“, Jahrgang 1951, der mit 60 Lebensjahren merkte, dass er die Konsumgesellschaft satt hat, sein Auto verkauft, sich auf sich selbst besinnt und sich als „Oldfluencer“ in den sozialen Medien darstellt und von seinen „Jüngern“ feiern lässt. So sehr unterscheidet sich „Svante, der Urbane Hippie“ nicht vom Berber Rainer, der 10 Jahre auf der Straße lebte und sich nun seit einigen Jahren in der Obdachlosen-Uni engagiert.

Ich frage mich, wie unterscheiden sich die beiden mobilen Sozialfiguren „Digitaler Nomade“ und „Wohnungsloser Vagabund“ voneinander und was verbindet sie? Ausgehend vom Vagabundenbegriff wäre es natürlich erstmal notwendig, diese beiden Sozialfiguren zu definieren. Kann ein Digitaler Nomade von einem wohnungslosen Vagabunden klar abgegrenzt werden oder sind die Übergange fließend?

In der Fachliteratur und dem Arbeitsfeld der „Sozialen Arbeit“ werden Wohnungs- und Obdachlose klassischerweise als Klientel dargestellt, denen es zu helfen gilt. Daneben gibt es Ansätze, Wohnungslose eine Partizipation zu gestatten (siehe dazu u. a. "Mehr Partizipation wagen. Förderung und Unterstützung von Partizipation in der Wohnungslosigkeit", erarbeitet vom Fachausschuss Persönliche Hilfen, Soziale Dienste und Sozialraumorientierung, verabschiedet vom Vorstand der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. am 19. Mai 2015). Literatur zu „Wohnungslose als Impulsgeber und Gestalter des Neuen Wohnens und Arbeitens“ ist nur schwerlich zu ermitteln. Ganz anders sieht es beim digitalen Nomaden aus. Der Digitale Nomade wird als ein Pionier verstanden, aus dem heraus neue Impulse für eine neue Gesellschaftsform zu ziehen sei. 

Digitaler Nomade klingt nach schöne, neue und moderne Arbeitswelt (vgl. bspw. Annika Reinke (2019): Digitale Nomaden. Was sie motiviert und welche Rolle die Arbeit in ihrem Leben spielt). Doch die Werte des digitalen Nomaden scheinen eine Weiterführung der Nichtsesshaften und Vagabunden zu sein. Die (Selbst-)Bezeichnungen haben sich geändert und die Welt, in der sie leben sowie die gesellschaftlichen Werte. Lebensstile und Lebensentwürfe. Die beiden Gruppierungen, des (freiwillig) „aus der Gesellschaft ausgestiegenen wohnungslosen Vagabunden“ und des zeitgemäßen (digitalen) Nomaden scheinen einige wesentliche Gemeinsamkeiten auszuweisen: Sie leben ohne festen Wohnsitz und ohne feste Arbeitsstelle.

Mich würde interessieren, wie die Lebensfinanzierungskonzepte der verschiedenen Vagabundentypen aussehen, welche Erfahrungen sie mit möglichen Wiedereingliederungsversuchen (intrinsische Motivation bzw. von außen, also bspw. vom Arbeitsamt etc.) sie gemacht haben und wo ihre Motivation des „Ausstiegs“ lag.

Ob mir der im August 2020 stattfindende Vagabundenkongress Aufschluss geben kann? Oder ein Besuch im Berberdorf Esslingen? Schließlich heißt es im Werkstattbericht "Na, Du alter Berber" von Hannes Kiebel: "Leute, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienten, nicht dem Sozialamt zur Last fielen, dies bewusst nicht wollten. Diese Leute nannten sich "Berber"". Das lässt doch darauf schließen, dass ein Dorf, in dem sich ausschließlich Berber aufhalten, relevante Aussagen eingeholt werden können. Ebenso könnte beim Wohnungslosentreffen der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen einiges in Erfahrung gebracht werden.

Andererseits gibt es sicher auch relevante Informationen beim DNX-Festival für Digitale Nomaden im Mai 2020 bzw. in den zahlreichen Facebook-Gruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen oder auch das sog. "Facebook für Digital Nomaden", die Website und App "Moving Nomads" und das Digitale-Nomaden-Portal nomadlist.com. Hier können sogar die Lebenshaltungskosten für Digitale Nomaden im jeweilig ausgewählten Gebiet dargestellt werden (exemplarisch sei hier Berlin augeschlüsselt: https://nomadlist.com/cost-of-living/in/berlin).

Irgendjemand muss mir doch Antworten auf meine Fragen geben können. Warum gingen sie (freiwillig) auf die Straße? Warum gaben sie (freiwillig) ihre Wohnung auf, um auf Wanderschaft zu gehen? War der Ausstieg überhaupt wirklich freiwillig oder wurde die Freiwilligkeit hinterher zurechtgelegt und vorgeschoben? Was erleb(t)en sie und was lern(t)en sie? Können ihre Ideen und Vorstellungen eines anderen Lebens außerhalb der Grenzen des sesshaften, geregelten, vielleicht auch spießigen Lebens Impulsgeber für gesellschaftliche Veränderungen sein (vgl hierzu Markus Schroer (2005): Nomade und Spießer - Über Mobilität und Sesshaftigkeit)? Können die Ergebnisse eventuell sogar dazu dienen, dass (Wohnungs- und Arbeits-)Ämter eine andere Umgangsweise mit Vagabunden pflegen? Wie können das Lebensgefühl des wohnungslosen Vagabunden, seine Überlebensstrategien, herangezogen werden, um auch der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe andere Werkzeuge an die Hand zu geben – jenseits der Wiedereingliederung in ein Leben, welches sie (vielleicht) absichtliche entkommen wollten. Können die Ergebnisse letztendlich in einen Selbstermächtigungskurs an der Obdachlosen-Uni einfließen? 

Hoffentlich hat sich Euer Vagabund(innen)forscher nicht zu viel vorgenommen. 

Sachdienliche Hinweise, Tipps und Angebote zum Gespräch gern an mich, Maik Eimertenbrink. Ihr erreicht mich am besten über obdachlosenuni@outreach.berlin bzw. bei Xing, Twitter  und Facebook. Oder Ihr hinterlasst ein Kommentar in der Kommentarfunktion gleich hier. 

Vielen Dank!

PS. Es sind immer auch die weiblichen Formen gemeint, also Vagabundin, Berberin usw.

(Foto: Portuguese Gravity auf Unsplash)

 

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